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15. 08. 2018  
Einführung zur Philosophie:
Tour Philosophie: Politische Theorie

Eingestellt von: Wolfgang Melchior
Die liberalistische Auffassung von Gesellschaft als Individuenaggregat (1) vs. die holistische Auffassung von Gesellschaft (2)
(oder: Atomismus vs. Holismus
oder: Nominalismus vs. Universalismus/Platonismus)




Die Auffasung (1) des Liberalismus orrespondiert mit einer nominalistischen
(siehe Nominalismus) Ontologie
, wonach alle Allgemein- oder Klassenbegriffe = Universalien ("die Gesellschaft", "die sozialen
Klassen", "die ethnische oder religiöse Gruppe")
nur abkürzende Namen für eine Menge von Grundeinheiten
oder Einzeldingen ("die Individuen") darstellen.

Das Ganze der Gesellschaft

  • ist, spricht man von ihr als einem eigenständigen, mit
    einem Eigenleben ausgestatteten Gebilde, eine Schimäre (=
    besitzt keine Wirklichkeit) (siehe den Universalienstreit und die Position des Nominalismus oder logisch-systematisch)

  • ist demnach nichts anderes als die Summe der Grundeinheiten
    (=Aggregat)[1] und ihrer Relationen.


    (vgl. dazu die analytische Methode der "objects and relations" etwa bei Wittgenstein:
    Tractatus logico philososphicus,
    Paragraphen:


    1.1
    The world is the totality of facts, not of things.

    2.
    What is the case--a fact--is the existence of states
    of affairs.

    2.031
    "In a state of affairs objects stand in a determinate relation to one another." )


    Alle zwei Eigenschaften lassen sich bei einem Klassiker des Liberalismus, dem Mitbegründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham finden:


    "The community is a fictitious body,
    composed of the individual persons who

    are considered as constituting as it were its members.
    The interest of the

    community then is, what? -- the sum of the interests
    of the several members


    who compose it."

    (Jeremy Bentham, Principles of Moral and Legislation, 1781, chap. 1, par. IV., Hervorhebungen von W.M.)


    Die sich daraus ergebende Methode zur Ermittlung des gesellschaftlichen Wohls nennt man methodischen Individualismus. Danach geht man jedoch nicht von konkreten Individuen und ihren persönlichen Eigenschaften (Interessen, Bedürfnissen usw.) aus, sondern einem allgemeinen abstrakten Individuenbegriff. Es wird entweder anthroplogisch oder gemäß einer Theorie moralischer Empfindungen [2] allen Menschen bestimmte gemeinsame und grundsätzliche Interessen und Bedürfnisse unterstellt, die man für konstitutiv für menschliches Leben ansieht (so Mill, Bentham, Sidgewick).


    Oder man geht nach moderner Spielart weniger subjektiv gefärbt
    davon aus, daß es bestimmte Güterklassen ("Primärgüter") gibt, die "alle Menschen wollen, was immer sie auch sonst noch wollen" (Rawls: Theory of Justice).


    Der methodische Individualismus geht

    zwar von einem nominalistischen
    Bild von Gesellschaft (Aggregatvorstellung) aus, mündet aber in einer qusi-universalistischen Auffasung vom Individuum. Diese besteht eben darin, daß allen Menschen bestimmte allgemeine Interessen und Bedürfnisse unterstellt werden.


    In seiner Vorstellung von Gesellschaft existieren nur Individuen und ihre Beziehungen und alles andere ist "fictitious", seinem Menschenbild jedoch zufolge sollen diese Individuen aber nicht als konkrete Einzelpersonen, sondern als Träger universeller,d.h. allgemeiner Eigenschaften begriffen werden.



    (2) Demgegenüber betont eine holistische (von gr. holos
    = das Ganze) Auffassung, daß soziale Gebilde mehr sind
    als bloße Aggregate ihrer Mitglieder (=Summe ihrer Teile).
    Sie sind auch mehr als die Kombination (=Anordnung) ihrer Teile.


    Begründet und motiviert wird dies mit der Tatsache, daß
    soziale Gruppen/Gesellschaften mit der Aggregatvorstellung nie
    vollständig erklärt werden können. Als einer
    der Hauptargumente wird dabei der Umstand angeführt, daß
    Gesellschaften sich in eine bestimmte Richtung entwickeln ohne
    daß dies auch nur von einem einzigen Gesellschafstmitglied
    beabsichtigt worden wäre[3]. Klassisch für eine solche
    Auffassung ist die materialistische Theorie von Marx, wonach objektive ökonomische Entwicklungsgesetze die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen unabhängig von den Intentionen seiner Mitglieder.[4]


    Gruppen und Gesellschaften besitzen demnach Eigenschaften, die
    existieren, unabhängig davon, ob bestimmte und konkrete Individuen existieren, sog. objektive Eigenschaften. Meist finden dabei Organismusmetaphern[5] Verwendung. Die Vorstellung von Gruppen und Gesellschaften als eigenständige Organismen ist zwar nicht auf holistische Theorien beschränkt[6], jedoch soll sie etwas spezifisches für holistische Theorie leisten: wie jeder Organismus

    - erstens am Fortbestand seiner selbst und
    - zweitens nur als Ganzes verstanden werden kann, aber
    - auch ohne bestimmte Teile (Organe/Zellen) überlebensfähig ist

    so soll dies auch für Gruppen/Gesellschaften gelten.



    Holistische Theorien bedienen sich, wie schon zu merken war, historisch-kausaler Methoden. Während der methodische Individualismus lediglich die formalen Beziehungen zwischen den Gesellschafstmitgliedern, ausgedrückt in allgemeinverbindlichen Maßstäben wie Preisen (ökonomischer Liberalismus = Utilitarismus) oder Rechten (Rechtsliberalismus = Vertragstheorie) behandelt, interessiert sich der Holismus für die informellen historisch gewachsenen Beziehungen.[7]


    Mit der Auffasung, Gruppen besäßen ein Eigenleben,
    schreiben Holisten diesen, ob explizit oder nicht, auch eine
    Existenz zu. Man kann, um bei der ontologischen Unterscheidung
    Nominalismus-Universalismus zu bleiben, daher sagen, daß
    holistische Theorien eine universalistische Auffasung von Gesellschaft vertreten.


    Ich möchte jedoch, um nicht in Begriffsverwirrung mit der Literatur zu geraten, an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, daß sich der Ausdruck "Universalismus"
    für die oben geschilderte Ansicht des Individuums als Träger abstrakter Interessen eingebürgert hat.


    Legt man jedoch die oben getroffene ontologische Unterscheidung zwischen einem nominalistischen und einem universalistischen, d.h. platonistischen Universum, zugrunde so kann man folgendes sagen:
    Sowohl holistische wie die atomistisch-individualistsiche Auffassung fußen auf einem Modell abstrakter Einheiten: im einen Fall das Indiviuum, im anderen Fall die soziale Gruppe.




    Fußnoten:


    [1] An dieser Stelle sollte man analog zu den zwei Spielarten der Nominalismus, dem und dem zwischen einem radikalen Individualismus und

    einem konzeptionellen Individualismus unterschieden. Während der erste, wie das Benthamsche Zitat zeigt, die Ganzheit der Gesellschaft/Gruppe überhaupt als Einbildung ansieht und ihr keine anderen Eigenschaften zuschreibt als diejenigen, die bereits den Einzelmitgliedern zueigen sind , glaubt ein konzeptioneller Individualist, daß die Ganzheit besondere Eigenschaften besitzt, die sich aus der Kombination der Mitglieder und ihrer Beziehungen ergeben. Die Aggregatvorstellung (vgl. Aggregat= Anhäufung) beruht auf den mathematischen Begriffen der Menge und der Summe, die Kombinationsvorstellung auf dem des Systems.


    [2] siehe oben bei und dem utilitaristischen Prinzip der Unlustvermeidung bzw. des Lustgewinns; siehe auch Smiths , vor allem und dessen Prinzip der Selbstverwirklichung und Weitentwicklung


    [3] Für Fachleute der Handlungstheorie: und dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um nichtintendierte Nebenfolgen von Einzelhandlungen.


    [4] Marx geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt: „durch den Willen der einzelnen hindurch“


    [5] Vgl. dazu Karl Popper: Kritik des Historizismus, Tübingen 1979, S. 16 und 19


    [6] Siehe Hobbes

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